Paartherapie Hamburg

Den Alltag jetzt meistern, dann ab zur Paartherapie

von | 17. April 2020 | Allgemein

„Steigt die Scheidungsrate oder bekommen wir in 9 Monaten einen Babyboom?“ fragte eine große deutsche Wochenzeitschrift neulich. Überhaupt – überall nehme ich momentan Artikel wahr, die mit Tipps und Prognosen, was Paarbeziehungen in Zeiten von Corona angeht, nicht hinter den Berg halten und teilweise völlig gegensätzliche Perspektiven – Babies oder Scheidungen? – vertreten. 

Aber wem und was soll man eigentlich glauben?

Ganz einfach: den Tipps, die aus der gleichen Perspektive wie der eigenen heraus verfasst sind.

Wie sieht der Quarantäne-Alltag praktisch aus?

Paare, die schon durch andauernde Konflikte vorbelastet sind, streiten nun noch häufiger und noch heftiger. Es treten Dinge beim anderen in den Augenschein, die zu den bestehenden Problemen noch On Top kommen. Die Gefahr ist groß, dass man sich einer Trennung noch schneller annähert.

Bei Paaren, bei denen sich ein Partner schon getrennt hatte oder einer der Partner eine Außenbeziehung hat oder hatte, gewinnt nun der verlassene oder betrogene Part wieder etwas an Sicherheit auf Zeit. Er kann zunächst durchatmen, weiß aber nicht, wie er die Nähe für sich und die Beziehung nutzen kann. Die Gefahr ist hier groß, dass aus der gewonnenen Nähe eine Enge wird, die durch den verlassenen bzw. betrogenen Partner noch verstärkt wird. Es ist fast unmöglich, in der aufgezwungenen räumlichen Nähe nicht bewusst und unbewusst den Partner dazu bewegen zu wollen, sich der Beziehung wieder mehr zuzuwenden. Das kann sehr schnell nach hinten losgehen, weil sich der Partner erdrückt fühlt und aus der Umklammerung befreien möchte.

Wenn das Paar Kinder hat, potenzieren sich die Konfliktmöglichkeiten. Wer übernimmt wann die Betreuung? Wer darf wann und wie lange Zeit für sich in Anspruch nehmen und wer beansprucht zu viel Zeit im Homeoffice für sich? Diese Fragen sind Belastung genug für stabile Paare. Für vorbelastete Paare werden sie zur Zerreißprobe. Die Partner bewegen sich auf zu engem Raum in dem ständigen Gefühl, zu kurz zu kommen. Hatte man zuvor die immer noch typische Aufteilung, dass sich der weibliche Part vermehrt um Kinder und Haushalt kümmert, löst sich dieses eingefahrene Muster nicht einfach durch die häufigere Anwesenheit beider Partner auf. Und wer übernimmt den Aufgabenblatt-Wahnsinn im Homeschooling?

Das Ursache der einengenden Gefühle werden auf den Partner projiziert

In Zeiten von Corona sind unsere Möglichkeiten extrem beschnitten. Der Raum, auf dem man sich bewegen kann, ist kleiner und Alternativen zum Daheimsein finden sich wenige.

In diesen Zeiten fühlt man sich extrem eingeengt und was das Gehirn nun unbewusst und ungebeten anstellt, ist, dass schon die Anwesenheit des Partners als einengend empfunden wird. Aufforderungen, zu helfen, Bitten, dies oder das zu erledigen oder auch nur Kommentare zum Verhalten des anderen werden nervtötend. Der Partner sieht nun die Ursache für das Gefühl des Eingeengtseins beim Partner.

War er schon immer so nervig? Obendrauf glaubt man noch, jetzt das wahre Gesicht des Partners zu sehen und denkt auf einmal verstärkt an Trennung oder zumindest, mit dem falschen Partner zusammen zu sein.

Paare, die ihre Konflikte häufig mit Rückzug gelöst haben, haben jetzt ein Problem

Kontaktsperre und mediale Berichterstattung sind schon genug geeignet, dauerhafte Beklommenheit auszulösen. Vorbelastete Paare, die ihre Konflikte schon über einen längeren Zeitraum mit wiederkehrendem Rückzug in Schach gehalten haben, erleben nun das ständige Beisammensein als Katalysator für die sie überrollenden Streits. Eine Trennung erscheint immer unausweichlicher.

Kann man den Beziehungs-Crash vermeiden?

Äußere Organisation ist wichtig, aber nicht ausreichend

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Struktur-Fanatiker bin. Jetzt ist sie aber womöglich wichtiger denn je. Struktur gibt Sicherheit. Sie jetzt in in Form von Ritualen – individuellen und gemeinsamen – zu etablieren, kann das Gefühl der Sicherheit nähren. Sie stellen Fixpunkte im täglichen Miteinander dar. Gemeinsames Frühstück zur gleichen Zeit, der tägliche Anruf bei Oma und Opa, feste Aufgabenteilungen im Haushalt, ein gemeinsames Abendritual mit der ganzen Familie. Bei uns ist das die Fernsehserie oder der Film, den wir 5 jeden Abend gemeinsam schauen. Jedes Paar oder jede Familie sollte sich seine eigenen Rituale kreieren und bei etwas leicht umzusetzenden anfangen, z.B. dem gemeinsamen Kaffee immer zur gleichen Zeit.

Schon am Abend vorher sollte besprochen werden, wie der nächste Tag strukturiert wird. Homeoffice, Homeschooling, Rückzugszeiten und Zeiten mit den Kindern. Geht man da ungeplant in den Tag, lebt womöglich jeder in der Hoffnung, sich zwischendurch zurückziehen zu können. Da sind Enttäuschungen und Streits vorprogrammiert.

Außerdem signalisiert man am besten Normalität, indem man nicht im bequemen Schlabberlook durch den Tag geht. Da wirkt das Sofa wie von Zauberhand magisch anziehend.

Kinder brauchen aktive Aufmerksamkeit

Die Zeit mit den Kindern sollte aktiv gestaltet werden. Lebt man mit der unerfüllten Hoffnung, dass die Kinder sich auch mal alleine beschäftigen, geht man mit hoher Wahrscheinlichkeit abends im Gefühl ins Bett, sich den ganzen Tag um nichts anderes als die Kinder gekümmert zu haben. Oder sie vor TV, Handy und Tablet emotional verhungert gelassen zu haben. Also: Morgens und nachmittags feste Zeiten einrichten, in denen man sich bewusst und zu 100% den Kindern zuwendet. Das stärkt nicht nur die Bindung, sondern macht auch die Phasen zwischendurch, in denen elektronische Medien das Babysitting übernehmen dürfen, aushaltbarer und lindert das schlechte Gewissen.

Ohne Bewegung geht nichts

Wer in einer Etagenwohnung mit Kindern wohnt, ist besonders gefordert. Unter einem Dach mit womöglich wilden Jungs oder Mädels in Zeiten von Zwangsisolation zu leben, scheint kaum erträglich. Da fällt dem einen oder anderen Elternteil schon vorm Mittagsgong die Decke auf den Kopf. Da hilft nur eins: Bei Wind und Wetter raus auf die nächste freie Fläche, Turnschuhe an, Sportgeräte mitnehmen und die Truppe jagen, bis die Lunge brennt. Diese Zeit ist gut investiert, denn sie gibt den Eltern am Ende etwas zurück. Natürlich sind das Binsenweisheiten, die auch im normalen Alltag Gültigkeit besitzen sollten. Aber jetzt sollte vor allem eine Eigenschaft von Sport auf die Psyche genutzt werden: Er hat antidepressive Wirkung. Das sollte in dieser bedrückenden Zeit Argument genug sein.

Umgang mit eigenen Emotionen und negativen Gedanken entscheidet über Wohl und Wehe

Entscheidend darüber, wie man als Paar aus der Zwangsisolation nach Corona hervorgeht, ist der Umgang mit den verstärkt auftretenden unangenehmen Emotionen und Gedanken über die Beziehung.

Ein Beispiel aus meinem persönlichen Alltag

Neulich geriet ich in einen Konflikt mit meiner Frau Nadja. Wir befanden uns mitten im Corona-Shutdown. Überall konnte man Berichte über die furchtbaren wirtschaftlichen Folgen lesen, die schon zum jetzigen Zeitpunkt Einzelunternehmen und Freiberufler treffen würden. Einige Klienten waren auch bei uns abgesprungen und ich hatte große Angst, ob wir die Zeit wirtschaftlich gut überstehen würden.

Mitten in diese Angst teilte Nadja mir mit, dass sie nun über einen Lieferservice Essen für die ganze Familie bestellen würde, da sie gerade Hunger hatte, keine Lust zu kochen, aber Lust auf etwas Leckeres hatte. Diese Aussage traf mich mitten in meine Existenzangst und löste einen Sturm der inneren Entrüstung in mir aus. Irgendetwas in die Richtung, ob sie nicht begriffen hätte, was die Stunde geschlagen habe, bekam sie zu hören.

Gedanken wie „das hat keinen Zweck“ oder „die stürzt uns ins Unglück“ keimten in mir auf. Gedanken, die gut geeignet waren, noch wütender auf Nadja zu werden und die Angst in mir zu verstärken.

An dieser Stelle entscheidet sich dann, wo es hingeht. Jetzt musste ich die Verantwortung für diese Gedanken und Gefühle selbst übernehmen und sie nicht im Konflikt mit Nadja ausagieren. Meine Fähigkeit zur Selbstregulation war gefordert, damit keine Scherben produziert werden.

Mit etwas Abstand ging ich auf Nadja zu und die Sache war ruckzuck abgehakt.

Neuartige Konflikte treten auf

Normalerweise streiten Nadja und ich nicht über geliefertes Essen oder Hausmannskost. Im Gegenteil, ich bin froh, wenn wir uns dadurch entlasten können. Dieser Konflikt war eine unmittelbare Folge der neuartigen Situation, in der wir uns befanden.

Genau das tritt nun in vielen Beziehungen auf. Diese neuartige Situation führt zu merkwürdigen Situationen zwischen Partnern, zumeist Konflikte, die man vorher so oder zumindest in der Stärke oder Häufigkeit nicht kannte.

Ausnahmezustand nicht nur im Land, sondern auch in Dir

Überall im Außen nimmt man im Moment den Ausnahmezustand wahr. Für alle ist die Situation neu und zuvor nie dagewesen.

Aber nicht nur im Außen befindet sich der Ausnahmezustand. Die äußere Situation sorgt auch im Menschen für Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse, die bis dato unbekannt waren. Vor allem Angst. Und der Mensch neigt dazu, die unangenehmen Gefühle – vor allem in Beziehungen – im anderen, dem Partner, zu bekämpfen. Besonders vorbelastete Beziehungen kämpfen nun verstärkt an dieser Front.

Über alle Konflikten könnte man nun die Überschrift „Wenn Du Dich anders verhalten würdest, ginge es mir besser“ setzen.

Und die Folge von Angst ist banal. Angst löst Fluchtreaktionen aus. Auch in Beziehungen.

Erwartungen runterschrauben

Zeiten von Zwangsisolation sind nicht die Zeit, seine Erwartungen an den Partner einzufordern. Wer es jetzt schafft, seine Erwartungen an den Partner herunterzuschrauben und sich selbst in der Rolle sieht, den anderen zu unterstützen, hat gute Chancen, dass seine Beziehung aus der Krise gestärkt hervorgeht.

Da reicht schon allein die Erwartung, dass die Streits nun weniger werden müssten, um jedes mal von Neuem enttäuscht zu werden.

Jetzt häufigere Streits genauso wie einen gestressteren Partner zu akzeptieren, soll keine Dauerlösung sein, sondern bedeutet Akzeptanz nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Krise gegenüber und eine Anpassung an die momentanen Herausforderungen.

Jeder wird sich in seiner Beziehung entlastet fühlen, wenn er spürt, dass er seine negativen Gefühle auch mal nach außen tragen darf, ohne dadurch den Partner mit ins Beziehungsdrama zu reißen.

Hilfe holen

Wer dazu die Möglichkeit hat, sollte sich schon während der Corona-Krise Hilfe bei einem Paartherapeuten holen.

 Wer zu sehr im Homeoffice eingespannt ist, seine Kinder nicht allein oder betreuen lassen kann, wendet sich jetzt der einmaligen Chance zu, seine Beziehung zu erneuern, statt an Trennung zu denken. Er holt sich Hilfe, wenn die äußeren Möglichkeiten zum Besuch einer Paartherapie wieder gegeben sind. Und inhaliert im Moment jeden Beitrag, der hilfreich ist, die aktuelle Phase zu überstehen.

Von einer Paartherapie profitiert man so oder so

Wer eine gute Paartherapie besucht, wird so oder so davon profitieren. Bei mir geht es nicht um Tipps und Tricks, wie man die Beziehung besser machen kann. Die erhält man auch, klar. Aber letztlich geht es um tiefe, dauerhafte Veränderung, die Beziehungen auch tragfähiger macht, wenn die aktuelle Beziehung scheitert.

 Es geht immer auch um eine persönliche Entwicklung und mehr zu dem zu werden, der man wirklich ist und auch sein möchte. Und dazu gibt es kein besseres Terrain als die eigene Beziehung.

Einmalige Chance

Ich persönlich bin dankbar für jeden, der sich diesem Prozess in meiner Praxis stellt. Und jetzt ist wirklich eine einmalige Gelegenheit, sich all den Themen in der Beziehung zu stellen, die jetzt verstärkt aufploppen oder sich neu zeigen.

Warte nicht, nutze jetzt die Chance auf tiefe, dauerhafte und positive Veränderung!