Paartherapie Hamburg

Wie Du die Corona-Krise für Dich und Deine Beziehung nutzen kannst

von | 22. März 2020 | Beziehung retten

„Noch einer, der meint, die aktuelle Krise um das Corona-Virus richtig einschätzen zu können“, oder „wieder so ein Allwissender, der seinen Senf dazu gibt“ mag man denken. Und überhaupt, was hat das Virus mit Paartherapie zu tun?

Werfen wir mal einen exemplarischen Blick auf ein Paar, das in meine Praxis zur Beratung kommt.

Affäre fliegt auf – die Krise wird greifbar

Ina hat eine Affäre. Sven hat sie aufgedeckt. Eher zufällig. Dass sie distanzierter war, hat er schon seit einiger Zeit bemerkt. Aber nun las er zufällig eine Nachricht, die auf ihrem Handy eintraf, als Ina unter der Dusche stand! Die Nachricht war eindeutig, da gab es keinen Zweifel. Sie riss Sven den Boden unter den Füßen weg. Sein Leben schien still zu stehen. Vollständig auf Reset gedrückt. 

Bisher hat er immer gedacht, wenn er von Affären und Seitensprüngen gehört hat, dass er dann sofort den Schlussstrich ziehen würde. Das würde er nicht mit sich machen lassen. Aber jetzt hat er Panik vor dem, was kommt. Er möchte seine beiden Kinder, 6 und 3 Jahre alt, nicht nur 14tägig am Wochenende sehen. Auch Ina sieht er plötzlich, neben aller Wut und Verzweiflung, die immer wieder in ihm aufkeimen, in einem anderen Licht. Findet sie attraktiv, wertvoll für ihn und möchte sie nicht verlieren. Fast wie frisch verliebt zwischen all dem Schmerz.

Auch Ina hätte nie gedacht, dass sie zu einer Affäre in der Lage wäre. Das hat sie eigentlich nie gewollt. Aber sie hat Sven seit Jahren nicht mehr erreicht, so ihr Gefühl.

Lange Zeit des Leidens

Während sie sich hauptsächlich um Haushalt und Kinder gekümmert hat, hat Sven seine Karriere als Projektmanager in einem großen Unternehmen voran getrieben. War in der Woche häufig auswärts tätig und am Samstag, wenn Ina sich schon um die Kinder gekümmert hat, lag er noch im Bett. Ina müsse das verstehen, der Job war anstrengend. Immer wieder gab es Streit. Gemeinsame Aktivitäten am Wochenende hat sie meistens allein geplant und Sven war abends nicht selten mit seinen Freunden unterwegs, während Ina früh schlafen gegangen ist – alleine. Für sie gab es kein Wochenende. 

Wenn Ina versucht hat, mit Sven zu reden, hat sie ihm Vorwürfe gemacht und Sven sie als Nörglerin, die mit nichts zufrieden sein kann, abgestempelt. Ina sagt, das ging über mindestens 5 Jahre so. Nicht selten haben die beiden sich gegenseitig die Trennung angedroht und irgendwann hat keiner der beiden den anderen noch ernst genommen. Beide waren nur noch genervt voneinander und haben die Hoffnung auf Änderung schon aufgegeben. Ina hat mal den Vorschlag einer Paartherapie gemacht, aber für Sven war das einfach nur Bullshit. Er wisse ja, woran ihre Probleme lägen.

Wiederauferstehung ins Leben

Der neue Kollege in der Anwaltskanzlei, in der Ina in Teilzeit arbeitet, hat schnell die Aufmerksamkeit von Ina gewonnen. Er hat angefangen, ihr Komplimente zu machen. Die Frage nach einem gemeinsamen Kaffee nach der Arbeit hat Ina zunächst rigoros abgewiegelt. Treue ist ihr sehr wichtig. Nicht der kleinsten Versuchung wollte sie nachgeben. Ganz klassisch, nach der Weihnachtsfeier, ist sie dann doch mit ihm nach Hause gegangen. Sie hatten Sex. 

Ina fühlte sich danach wie neugeboren. Endlich fühlte sie sich wieder als Frau, sie fühlte sich gesehen und lebendig. Das Gefühl hatte sie in ihrer Ehe schon ewig nicht mehr. All die langen Jahre mit den Kindern auf dem Spielplatz oder im heimischen Wohnzimmer mit anderen Müttern und Kindern haben sie zermürbt. Und die endlos öden Gespräche über Babywindeln und den nächsten Entwicklungsschritt der Kinder. „Meiner hat jetzt schon die ersten Schritte gemacht…“…“was echt? Oh wie toll!“. Und die Abende allein im Bett mit 20 Minuten Netflix, bevor sie dabei einschlief, wenn Sven beruflich unterwegs war, wiederholten sich wie Bill Murrays Groundhog Day als Wettermann in Punxsutawney in „Und täglich grüßt das Murmeltier“

So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt, auch, wenn sie ihre Kinder über alles liebte. Alles, was etwas Abwechslung bot, z.B. das jährliche gemeinsame Wellness-Wochenende mit ihren Freundinnen, hat sie aufgesogen wie ein ausgetrockneter Schwamm. So auch die Komplimente von Ingo, ihrem Kollegen. 

Zu sehr war die Frau in ihr wieder geweckt worden. Sie wollte mehr davon. Ihre moralischen Vorstellungen waren schnell über Board geworfen. Die Treffen wurden häufiger und intensiver. Die Lawine, die ihre Ehe bald überrollen würde, war nicht mehr zu stoppen.

Kann eine Paartherapie die Ehe retten?

Jetzt sitzen die beiden bei mir zur Paartherapie auf den Sesseln in meiner Praxis in Hamburg. Ina empfindet keine Reue. Zu gut tat die Zeit mit Ingo. Zu sehr hat sie das zu neuem Leben erweckt. Aber ihr tut unendlich leid, dass Sven so sehr leidet. Das hat sie nicht gewollt und damit hat sie auch nicht gerechnet. Sie schien ihm gleichgültig geworden zu sein. 

Und Sven sind die Augen aufgegangen. Er realisiert, dass er seine Frau und ihre Bedürfnisse schon über Jahre nicht mehr wahrgenommen hat. Auch das tut ihm leid. 

In einem schmerzhaften und tränenreichen Prozess mit vielen Ups and Downs, die an dieser Stelle nicht in ihrer Tiefe geschildert werden können, stellen die beiden sich ihrer Vergangenheit. Einfach gesprochen: Ina erkennt, dass sie keinen besseren Weg gefunden hat, als Sven ständig Vorwürfe zu machen, um ihre Verzweiflung deutlich zu machen. In den Sitzungen der Paartherapie fühlt sie sich zum ersten Mal seit Jahren verstanden. Und Sven erkennt, dass er so sehr auf seinen Weg fokussiert war, dass er das Donnern der Lawine nicht gehört hat. Nur das unnötige Gejammer seiner Frau.

Aus der Krise zu einem echten Neuanfang

Die beiden haben angefangen, einen neuen, besseren Weg in ihrer „zweiten Ehe“ zu beschreiten, auf dem sie sich bewusst, gemeinsam und aktiv den Herausforderungen ihrer Beziehung und der Familie stellen. Sie haben festgestellt, dass eine gute Beziehung nicht einfach eine Frage des richtigen Partners ist, sondern bewusst gestaltet werden kann. Sie haben ihre Krise als Chance gesehen und gehören nicht zu denen, die daran zerbrochen sind.

Du wirst zum Handeln gezwungen – oder zerbrichst

Es mag für manche wie ein billiger Aphorismus klingen, für mich ist es Teil des Fundamentes einer gelingenden Beziehung, was ich vielen Paaren in meiner Paartherapie, wenn auch nicht so simplifiziert wie hier, mitgebe: Stellt Euch bewusst und proaktiv den Herausforderungen, die eine Beziehung, die ein Leben lang halten soll und eine Familie, in der die Bedürfnisse der unterschiedlichsten Charaktere aufeinandertreffen, mit sich bringen! Wenn ihr das nicht tut, werdet ihr eines Tages so oder so dazu gezwungen – zumeist auf sehr schmerzliche Weise wie bei Sven und Ina.

Was hat das jetzt mit Corona zu tun?

Und damit wären wir direkt beim Corona-Virus. Auf schmerzhafteste und existenziell bedrohliche Art werden wir nun gezwungen, innezuhalten. 

Wir haben über Jahre die olympische Devise „citius altius fortius“ (schneller, höher, stärker oder eingedeutscht weiter), die eigentlich auffordert, sein Bestes zu geben, gesellschaftlich überspannt. Wir haben uns den Herausforderungen einer Gesellschaft, in der inzwischen knapp 30% der Erwachsenen im Laufe eines Jahres psychisch erkranken, nicht wirklich gestellt. An einem Großteil dieser Erkrankungen zerbrechen auch die Beziehungen und Familien.

Wir fangen bei den Kleinsten an, sie auf Leistung zu trimmen und ihnen das letzte abzuverlangen. Statt ihre Potenziale zu entdecken und zu fördern, versuchen wir ihre Defizite durch millionenschwere Förderprogramme auszumerzen. Kaum ein Kind schafft die Schule ohne externe Unterstützung, die unseren Kindern noch mehr das raubt, was das Wichtigste für sie ist: Das Spielen, was man auch als die Arbeit des Kindes bezeichnen kann. 

Mahner dieser und etlicher anderer Fehlentwicklungen gab es genug, nur ist es uns nur halbherzig gelungen, hier und da einen anderen Weg einzuschlagen, der bestenfalls darauf abzielte, die Leistungsfähigkeit halbwegs zu erhalten.

Die Chance hinter der Krise nutzen

Jetzt registriere ich mit Freude die sich mehrenden Artikel, in denen in dieser Krise die Chance gesehen wird, ein anderes Bewusstsein zu erreichen. Die Menschen – zumindest viele von ihnen – erkennen, was wirklich wichtig ist. Sie werden gezwungen, über alle Grenzen hinaus zusammenzuhalten, damit wir nicht von diesem kleinen unsichtbaren Feind in die Knie gezwungen werden. Wir fühlen uns wieder verbunden, statt getrennt. Trotz Quarantäne. 

Eben habe ich mit meinem Onkel gesprochen, der mir sehr nahe steht. Er hat die Hoffnung nicht, dass diese Krise über die Pandemie hinaus zu einer tiefen Veränderung führt. „Wir werden so weitermachen wie bisher, wenn die Gefahr sich gelegt hat“.

Meine Hoffnung – auch für meine Aufgabe, Menschen in ihrer persönlichen Krise zu helfen – ist eine andere: Stellt Euch als Paar und als Familie Euren Themen jetzt, wo ihr zu mehr Zeit miteinander in Eurem zuhause gezwungen werdet. Lauft nicht zum Scheidungsanwalt, geht nicht in die Trennung, wenn es in der Enge eurer 4 Wände in Isolation zwischen Euch eskaliert. Verbindet Euch. Werdet Teil von denen, die die Krise, die sich gerade jetzt auch im kleinen Rahmen hinter vielen verschlossenen Türen abspielt, als Chance sehen. Nutzt sie für eine Neuausrichtung. Wenn Euch das selbst nicht gelingt, sucht Euch Hilfe.

Nutze diese einmalige Gelegenheit, wenn aus der globalen Krise für Dich auch eine persönliche geworden ist. 

Wenn nicht jetzt, wann dann?